Leider hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, männliche Meerschweinchen hätten ständig Zoff und würden stinken. Richtig gehalten vertragen sich Böcke aber durchaus sehr gut. In freier Natur leben Meerschweinchen in geselligen Gruppen mit einem Männchen, mehreren Weibchen und deren Jungtieren. Nur in der Brunstzeit tragen die männlichen Erwachsenen Rangkämpfe aus. Wo kein Weib, da kein Streit. Sind keine Weibchen in der Nähe, steht einer Männerkameradschaft nichts mehr im Weg. Zwei junge Böcke vertragen sich, abgesehen von normalen, spielerischen Rangeleien, immer gut, gleich ob sie aus einem oder verschiedenen Würfen stammen. Wichtig ist nur, dass sie noch vor der Geschlechtsreife, also mit etwa 6 Wochen, zusammengesetzt werden. Ältere Böcke zeigen ein ausgeprägtes Revierverhalten und bekämpfen sich, wobei sie auch den typischen Eigengeruch durch Markieren entwickeln. Das trifft vor allem für Böcke zu, die bereits Deckerfahrung haben, selbst wenn sie danach kastriert wurden. Haben zwei Jungtiere erst einmal Freundschaft geschlossen, darf keiner der beiden Herren einen Damenbesuch machen oder längere Zeit vom anderen getrennt werden. Sie würden sich danach mit aller Wahrscheinlichkeit bekämpfen. Ein junges, noch nicht geschlechtsreifes Böckchen kann man auch problemlos zu einem älteren dazusetzen. Die Rangordnung ist schnell geklärt, immer ist der ältere der Boss. Streiten sich zwei junge Männchen wider Erwarten einmal, kann ein friedlicher erwachsener Bock die Führung übernehmen und für Ordnung sorgen. Wenn man bedenkt, dass zwei männliche Meerschweinchen garantiert keinen Nachwuchs bescheren und zwei ältere Weibchen sich nicht minder bekriegen als zwei ausgewachsene Böcke, spricht doch sehr viel für eine Männerwirtschaft.
Eine sehr gute Lösung ist aber auch noch, die Böcke früh kastrieren zu lassen! So kann man zwei Böcke oder ein Bock mit einem Weibchen zusammensetzen.
Meerschweinchen sind Sippentiere
Wie die wilden Meerschweinchen in den Anden, leben auch unsere Hausgenossen nicht als Einzelgänger. Die Einzelhaltung ist eine Qual für ein Meerschweinchen! Diese wichtige Beziehung zwischen Artgenossen kann auch niemals durch einen Menschen ersetzt werden, und kümmere er sich noch so sehr um sein Meerschweinchen. Das absolute Minimum sind daher zwei Tiere, aber selbst zu zweit kommt nie eine lebhafte Gemeinschaft zustande. Drei oder mehr Artgenossen sind daher wünschenswert. Die Tiere sind aktiver, animieren sich gegenseitig und spielen auch miteinander. An Kombinationen ist vieles möglich. Zum Beispiel zwei Weibchen zusammen mit einem kastrierten Männchen. Werden sie frühkastriert, das heisst vor der Geschlechtsreife, so können genau so gut mehrere Männchen miteinander gehalten werden.
Meerschweinchen sind Nagetiere
Sie haben Backen- und Schneidezähne, die während der ganzen Lebensdauer wachsen. Daher ist es so wichtig, dass diese Zähne gebraucht werden und sich ständig abschleifen. Als sogenannte Dauerfresser sind sie den ganzen Tag am Kauen. Das heisst aber, dass sie auch den ganzen Tag lang über ein Grundangebot an Futter und Nagematerial verfügen müssen. Dazu gehört vor allem Heu. Dann auch Körner. Und als Nagematerial besonders beliebt sind frische Zweige von ungiftigen und ungespritzten Bäumen, wie Buche, Hasel oder Rottanne. Das dauernde Kauen wird leider oft missverstanden und als übermässiges Fressen gedeutet, dabei sind diese Nagebewegungen einfach angeboren und sinnvoll.
Meerschweinchen sind Bewegungstiere
Wilde Meerschweinchen legen enorme Distanzen zurück, klettern in den Bergen herum, bewegen sich in Kolonnen über ausgedehnte Trampelpfade. Dieser ausgeprägte Bewegungsdrang ist unseren domestizierten Meerschweinchen geblieben. Darum sind sie auf einen grosszügigen und fantasievoll gestalteten Lebensraum angewiesen. Die meisten herkömmlichen Käfige sind dafür viel zu klein. Ein richtiges Nagerheim bietet zwei Meerschweinchen eine sehr grosszügige Wohnfläche, die viel Bewegung und Auslauf möglich macht. Besitzen Sie ein Nagerheim von beschränkter Grundfläche, so kann mit Etagen und Treppen problemlos in die Höhe gebaut werden. Meerschweinchen lieben es zu klettern und geniessen auch die Aussicht von erhöhten Lagen. Im Fachgeschäft gibt es aber auch grosse Plexiglas-Wannen, in denen sich perfekte Nagerheime einrichten lassen. Perfekt heisst aber nicht nur gross, perfekt heisst auch gut eingerichtet: mit verschiedenen Häuschen, Unterschlüpfe, Verstecke, Klettermöglichkeiten.
Wer einen grossen Garten, sehr viel Zeit und auch schon Erfahrung mit Meerschweinchen hat, kann auch die Aussenhaltung in Erwägung ziehen. Meerschweinchen können das ganze Jahr über draussen gehalten werden, sofern eine isolierte Stallbox vorhanden ist, das Gehege sorgfältig gebaut, liebevoll eingerichtet und intensiv gepflegt wird. Die Aussenhaltung ist sehr anspruchsvoll und aufwändig.
Meerschweinchen sind Fluchttiere
Es ist noch heute in den Anden so: Meerschweinchen nehmen nie den Weg über das offene, ungeschützte Feld, sondern bewegen sich immer nur von Unterschlupf zu Unterschlupf. Nur so fühlen sie sich sicher. Dieser Fluchtinstinkt ist unseren Heimtieren erhalten geblieben, und wir wollen ihn sehr ernst nehmen, denn dieser Instinkt spielt auch bei uns Menschen. Nähern wir uns einem Meerschweinchen, so hat es nur zwei Reaktionsmöglichkeiten: entweder die Flucht oder die so genannte Schreckstarre. Gelingt die Flucht nicht, weil kein Unterschlupf in der Nähe ist, erstarrt das Meerschweinchen völlig. Diese Reaktion wird oft missverstanden: Ein Tier in Schreckstarre lässt alles widerstandslos mit sich geschehen, wir können es streicheln, aufheben und davon tragen. Fast hat es den Anschein, dass das Meerschweinchen ein plötzliches Zutrauen zu uns gefasst hat. Doch das Gegenteil ist der Fall: Unser Tier hat Angst, sein puls rast, und es steht unter grossem Stress. Eine Reaktion, die vollkommen natürlich ist und nichts mit einer übertriebenen Ängstlichkeit des Tieres zu tun hat. Es gilt deshalb folgende Regel zu beachten: Wir dürfen uns selbstverständlich unseren Meerschweinchen langsam und liebevoll nähern, dürfen sie auch streicheln, sollten ihnen immer eine Fluchtmöglichkeit offenlassen, auch dann, wenn sie bereits zahm geworden sind. Am beste, wir lassen die Meerschweinchen dazu einfach in ihrem Gehege. Hier fühlen sie sich am sichersten und haben verschiedene Rückzugsmöglichkeiten und Verstecke, die sie bereits kennen. Diese Verstecke sind übrigens auch dann wichtig, wenn wir gar nicht in der Nähe sind. Auch in der Meerschweinchenfamilie müssen sich die Tiere von Zeit zu Zeit zurückziehen und sich aus dem Weg gehen können. Als Rückzugsmöglichkeiten eignen sich Holzhäuschen, Korkröhren oder Wurzelstrünke, die von Meerschweinchen auch zu Kletterpartien genutzt werden können.
Ein Tier für Kinder?
Meerschweinchen mit ihrem ausgeprägten Fluchtverhalten, ihrer natürlichen und sinnvollen Scheu vor anderen Lebewesen und ihrem ausgesprochen zerbrechlichen Körperbau sind keine idealen Schmusetiere. Wir sollten sie nicht grundlos und ständig aufheben, herumtragen und sie zu abenteuerlichen Spielen herausfordern. Diese Tiere entfalten ihr natürliches Verhalten viel eher, wenn wir uns ihnen vorsichtig und mit Respekt nähern. Meerschweinchen werden zutraulich, nehmen Futter aus der Hand und lassen sich streicheln, ohne dass sie festgehalten und aus dem Gehege genommen werden müssen.
Diese Tiere brauchen für ihren sozialen Austausch viel weniger uns Menschen als ihre Artgenossen. Ihre Familie, das sind nicht wir, sondern die Gemeinschaft, in der sie leben. Wir können diese Gemeinschaft vor allem beobachten, wir können uns freuen über das Verhalten der Tiere und wir können die Zutraulichkeit der Tiere langsam aufbauen, indem wir uns viel Zeit für sie nehmen, viel mit ihnen sprechen und uns vorsichtig mit ihnen beschäftigen. Dies alles können auch Kinder. Aber sie sollten dabei unbedingt von Erwachsenen begleitet und unterstützt werden. Meerschweinchendürfen nie nur ein Kinderwunsch sein, ihre Anschaffung ist immer ein Familienentscheid. Denn diese Tiere haben es verdient, dass man sich mit ihnen und ihren Bedürfnissen ernsthaft auseinandersetzt. Und dies kann ein Kind nicht allein.
Tipps & Tricks
Meerschweinchen zusammengewöhnen
Gelungene Cliquen-Wirtschaft
Damit Meerschweinchen es so richtig nett haben und in der Gruppe wuseln und gurren könne, brauchen sie Gesellschaft. Wie klappt die Zusammengewöhnung?
Meerschweinchen sind nicht fürs Alleinsein geschaffen. In freier Natur leben sie in Gruppen zusammen und haben ein geselliges Sozialleben. Deshalb sollten Sie Ihrem Meerschweinchen Gesellschaft gönnen. Gut, wenn sie eine Gruppe- zum Beispiel Geschwister oder Jungtiere in etwa demselben Alter- aufnehmen, die sich bereits kennen und gut vertragen. Aber auch für den Fall, dass Sie ein einzelnes Tier übernehmen oder aus einer Gruppe nur ein einziges Meerschweinchen überlebt: Eine Vergesellschaftung klappt, wenn Sie einige Regeln befolgen. Die erste Begegnung sollte unter Ihrer Aufsicht stattfinden. Doch dabei übernehmen Sie - auch wenn es schwer fällt- nur die Rolle des Aufpassers, der nicht (oder nur im Notfall) eingreift. Denn für ein späteres harmonisches Miteinander ist es entscheidend, dass die Tiere Ihre Rangordnung untereinander ausmachen. Bei der Kontaktaufnahme kann es manchmal hoch hergehen- es wird gefiept und gerangelt, manchmal kann das auch nach schlimmen Streitereien aussehen. Nach der ersten Aufregung gewöhnen sich die Meerschweinchen aber meistens doch aneinander und bauen eine Beziehung zueinander auf. Das braucht einfach seine Zeit, die wir Menschen den Tieren lassen müssen. Natürlich kann es vorkommen, dass einzelne Gruppenmitglieder auch längerfristig nicht miteinander klarkommen. Wenn sie sich nach zwei Wochen immer noch heftig streiten, sollten Sie für eines der Tiere einen neuen Platz in einer anderen Gruppe suchen. Um allen Beteiligten die Eingewöhnung so angenehm wie möglich zu machen, können Sie mit ein paar Tricks arbeiten. Reinigen Sie das Gehege gründlich, bevor der Neuankömmling einzieht, und verwöhnen Sie Ihre Meerschweinchen mit ein paar Extras wie zum Beispiel Wurzeln oder Rindenstücke. Und denken Sie daran: Futterneid zerstört jede aufkeimende Tierfreundschaft im Keime. Deshalb ist es in der Zeit der Zusammengewöhnung wichtig, dass genügend Futter für alle und an verschiedenen Stellen im Wohnraum zugänglich ist! Es kann nicht schaden, wenn das Futter besonders lecker ist! Wenn es schmeckt, sind alle gleich viel zufriedener. Übrigens sollten Sie beobachten ob der Neuankömmling mit ins Schlafhaus gelassen wird. Wenn das nämlich nicht der Fall ist, dann müssten Sie ein weiteres Haus zu Verfügung stellen. Besonders für Meerschweinchen in Aussenhaltung ist das entscheidend, denn für sie besteht nachts im Freien ohne Schutz Erfrierungsgefahr. Überhaupt kann es zu Konflikten komme, wenn Meerschweinchen zu wenig Platz im Häuschen haben. Anders als beispielsweise Kaninchen ist für das gemeinsame Kuscheln und Schlafen nicht arttypisch. Manchmal ist es übrigens einfacher, zwei Neuankömmlinge gleichzeitig einzugewöhnen, denn dann konzentriert sich die ganze Aufregung nicht auf ein Tier. Und für Meerschweinchen gilt ja sowieso das Motto: Je mehr, desto besser!
Info Wer passt zu wem?
Alt & jung:
Auch wenn es in dieser Kombination selten zu Aggressionen kommt, ist es für beide Seiten trotzdem nicht ideal. Das Jungtier braucht einen Spielgefährten, der „Oldie“ dagegen eher seine Ruhe. Besser: Wenn genügend Platz vorhanden ist, zwei Junge und zwei ältere Tiere zu viert. Ein „Oldie“ mit einem Jungtier zu vergesellschaften ist aber immer noch besser, als ihn alleine zu lassen. Manche Alten beziehungsweise ältere Meeris blühen mit einem jungen Meerschweinchen nochmals richtig auf.
Weibchen & Männchen:
Bei dieser Kombination sollte das männliche Tier auf jeden Fall kastriert sein, damit es keinen ungewollten Nachwuchs gibt. In freier Wildbahn besteht eine Sippe übrigens aus einen Bock und mehreren Weibchen und deren Jungtieren. Deshalb müssen die Böcke logischerweise untereinander eine Rangordnung ausmachen, wenn sie gemeinsam in einer Gruppe leben.
Männchen & Männchen:
Zu Konflikten kommt es zwischen Männchen natürlich hauptsächlich wegen eines Streitpunktes: Der Gunst der Weibchen. Eine Männer-WG unter Böcken kann dagegen prima funktionieren, vor allem, wenn Sie mehrere männliche Jungtiere gemeinsam halten. Lesen Sie dazu mehr unter „Perfekte Männerwirtschaft“.
Weibchen & Weibchen:
Auch Weibchen unter sich haben eine Rangordnung, die erst einmal ausgefochten werden muss. Dann aber können sie als harmonische Partnerinnen leben.
Dazu muss man einfach anmerken, dass in der Regel viel mehr Böcke als Weibchen geboren werden und man darum die reine Bockhaltung oder die geschlechtlich gemischte Meerschweinchengruppe bevorzugen sollte!
Der Text wurde aus dem Tiermagazin Ein Herz für Tiere / Ausgabe April 2008 entnommen und zum Teil ergänzt!
Mehr Infos über die Innen- und Aussenhaltung der Meerschweinchen finden Sie im Buch:
Artgerechte Haltung- ein Grundrecht auch für Meerschweinchen / von Ruth Morgenegg
Kik-Verlag, ISBN 3-952266108
Ein weiteres empfehlenswertes Buch ist:
Meerschweinchen- Freu(n)de von Claudia Ebling/ Tierkommunikatorin und Tierpsychologin ATN
Ein Ratgeber für den Tier-und artgerechten Umgang: Bedürfnisse der Meerschweinchen Überlegungen vor der Anschaffung Grosser Gesundheitsvorsorge- und Krankheitsteil
Taschenbuchformat A5, 119 Seiten mit 37 Farbfotos CHF 23.80 zuzüglich Porto
Es gibt Individuen, die kommen einfach nicht mit anderen Artgenossen klar. Nicht gemeint sind stinknormale Rangordnungsstreitigkeiten zwischen Böcken und Weibchen, die das friedliche Miteinander der Meerschweinchengruppe stören können, vor allem wenn das Territorium zu eng ist. Gemeint sind aggressive Zeitgenossen, die einfach nicht den richtigen Umgangston drauf haben. Wie Verhaltensbiologen beobachten, liegt das Übel für das soziale Fehlverhalten schon in der Kinderstube. Denn auch die Nager müssen soziale Kompetenz erst mühsam von klein auf lernen. Und das funktioniert nur unter ihresgleichen.
Es hängt auch vom Charakter ab, ob ein friedliches Miteinander möglich ist. Wie bei Menschen auch, gibt es Meerschweinchen die sich nicht sympathisch sind. Solche Tiere sollte man nicht miteinander vergesellschaften, denn sie würden mit grösster Wahrscheinlichkeit nie Freunde werden.